Am 10.11.17 kam der jüdische Zeitzeuge Ernest Kolman an unsere Schule, um den Geschichtskursen der Q1 und Q2 von den schrecklichen Ereignissen, von denen er aufgrund seiner Religion während der Zeit des Nationalsozialismus persönlich betroffen war, zu berichten.

Ernest Kolman, der letzte in Wesel geborene jüdische Zeitzeuge des 2. Weltkriegs, wurde am 1. Juni 1926 im Weseler Marien-Hospital geboren. Die ersten 10 Jahre seines Lebens verbrachte er mit seiner Schwester Margrit und seinen Eltern, die ein Textilgeschäft besaßen, in Wesel, wo er eine jüdische Schule besuchte. Nach dem Umzug nach Köln 1934 bekam Ernest immer mehr von dem offenen Antisemitismus mit. 1939 organisierte die Schule die Auswanderung der Schüler nach England, um sie dort vor dem anstehenden Krieg zu schützen. Ernest wurde in einen Zug gesetzt und sah seine Eltern nie wieder. Inzwischen kommt er, obwohl er in England lebt, jedes Jahr am 9.11. nach Wesel, um über seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu erzählen.

Er spricht langsam und ruhig über die Ereignisse aus seiner Kindheit. Nur ein paar Mal erhebt er seine Stimme, die durch das Mikrofon durch den ganzen Raum hallt. Man merkt, dass das die Schüler interessiert: fast alle von uns schauen gebannt auf den Mann und hören zu. Die Geschichte von Herrn Kolman nimmt die Schüler mit. Das ist beispielsweise daran erkennbar, als er erzählt, wie seine Eltern in Russland ermordet wurden. Das Wort „ermordet“ betont er laut und füllt den Raum mit Stille. Uns wird erstmalig bewusst, welches Glück wir haben, dass wir in einigermaßen sicheren Zeiten leben, und das betont Herr Kolman auch.

Jeder von uns hat sich vorab ein paar Fragen überlegt, die er Herrn Kolman gerne stellen würde. Er versucht einige davon zu beantworten, obwohl das bei den meisten nicht so einfach ist. Zum Beispiel: „Was war das Erste, was sie nach dem Krieg gemacht haben?“

Das sei nicht so leicht einzugrenzen, meint Herr Kolman. Am 8.Mai 1945 flog er im Flugzeug über Wesel und sah zum ersten Mal das Ausmaß der Zerstörung. Von der jüdischen Synagoge war keine Spur mehr zu sehen. Dass sie nie wiederaufgebaut wurde, sei eine Schande. Dies betont er und wir Schüler merken, wie wichtig es ihm ist. Nie zuvor habe ich darüber nachgedacht, dass wir keine Synagoge mehr in Wesel haben, obwohl hier früher so viele jüdische Bürger wohnten.

„Da bin ich schon Ehrenbürger von Wesel und dann kann ich nicht einmal durchsetzen, dass die Synagoge wieder erbaut wird!“ Alle lachen. Das war sehr angenehm: Herr Kolman erzählte nicht stumpf, er brachte auch den einen oder anderen Witz ein, um die Stimmung aufzulockern. Zum Beispiel, dass er bei seiner mündlichen Prüfung im Fach Deutsch, die er für das Abitur in England ablegte, mit keinem Wort erwähnte, dass Deutsch seine Muttersprache war. Er wirkte sehr sympathisch.

Mit am bewegendsten fand ich es, als er über seine inzwischen verstorbene Frau sprach. Mit Eva war er 66 Jahre verheiratet, er erwähnte sie mit den Worten „mein geliebtes Evchen“, was sehr traurig war.

Eine weitere Frage war, ob er in all der Zeit jemals an seinem Glauben gezweifelt habe. So richtig hat Herr Kolman die Frage nicht beantwortet, aber er sagte etwas, was mich sehr zum Nachdenken anregte, weil es so wahr ist: „Wir haben alle den gleichen Gott“. Und auf die Frage, was er uns Schülern raten würde, antwortete er: „Ganz einfach: Tut anderen nichts an, was ihr selbst nicht erleiden wollen würdet.“ Natürlich kannte jeder von uns dieses Sprichwort, aber es von jemanden zu hören, der so viel Schreckliches erleiden musste, war etwas ganz anderes.

Insgesamt fand ich die anderthalb Stunden sehr informativ und hilfreich, denn wir konnten durch den Zeitzeugenbericht einen viel besseren Einblick in die Situation von damals erhalten, als es sonst im Unterricht möglich gewesen wäre. Meine Frage, warum Herr Kolman sich überhaupt dazu entschlossen hat, an Schulen über seine Erlebnisse zu berichten, blieb leider unbeantwortet. Doch am Ende schenkte er unserer Schule eine englische Stofftierbulldogge mit den Worten: „Dieser Hund soll euch daran erinnern, stets den Kampf gegen die Ungerechtigkeit fortzuführen“. Und das ist ja schon Antwort genug.

Anna Kuck