SCHULGESCHICHTE (ausführlich)

Am Anfang steht eine Bürgerinitiative. Die Gründungsmitglieder: 24 Weseler Familien, der Zeit gemäß repräsentiert durch ihre Haushaltungsvorstände, die Männer , Bürger, zwischen 40 und 50 Jahre alt, mit guter Reputation und wohl auch entsprechendem Einkommen. In der Gründungsversammlung sind sie namentlich mit Angabe ihres Berufs verzeichnet: Viele als Kaufleute, zum Teil mit Nennung ihres Ehrenamtes, als Kirchmeister oder Gemeinderat zum Beispiel, ein Hauptmann a. D. und Rittergutsbesitzer gehört an exponierter Stelle zu dieser Versammlung, politische Würdenträger wie Landrat und Oberbürgermeister sowie ein Rechtsanwalt, ein Gastwirt, ein Bankier, ein Armenrendant, ein Buchhändler und ein Bauunternehmer. Ihr Ziel, für ihre Töchter nach Absolvierung der Volksschule die Möglichkeit einer qualifizierten Weiterbildung zu schaffen, die für ihre Jungen auf dem Gymnasium mit Realschule längst eine Selbstverständlichkeit ist, verfolgen sie offensichtlich konsequent und mit einem hohen Maß an Übereinstimmung. Wie sonst ließe sich das Ergebnis ihrer Verhandlungen erklären: Am 5. September 1852 lädt der Weseler Bürger Philipp Friedrich Eversz eine Reihe von Mitbürgern ein, "sich gefälligst heute Nachmittag präsise [!] 4 Uhr einfinden zu wollen" zu einer Besprechung "behufs der zu treffenden Einleitungen zur Errichtung einer höheren Töchterschule." Fast auf den Tag genau 4 Monate später, am 7. Januar 1853, präzise morgens um 8 Uhr, beginnt im Schullokal in der Goldstraße der Unterricht für die Schülerinnen der neu gegründeten evangelischen höheren Töchterschule zu Wesel.

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Das Engagement der Weseler Schulgründer wird man wohl auf dem Hintergrund des Zeitgeistes verstehen müssen, in dem die gesellschaftliche Rolle der Frau immer stärker reflektiert und offen diskutiert wurde. Hier lag ein erhebliches Konfliktpotential. Der ersten Sitzung des deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche hatten auch Frauen beiwohnen dürfen - als Zuschauerinnen, wie eine Frauenrechtlerin 1849 bitter vermerkt. Ein Markstein in der bürgerlichen Frauenrechtsbewegung ist die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 in Leipzig mit dem Ziel, "die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen" zu erkämpfen. Wie beschwerlich der Weg zu diesem Ziel noch sein wird, lässt die Kritik eines erbitterten Gegners der Frauenbewegung erahnen, der in einem Pamphlet 1865 seine Sicht der Rollenverteilung auf den Punkt bringt: "Dem Manne gebührt der Kampf um die Arbeit, aber das Weib wische den Schweiß von seiner Stirn." 

Wie man sieht, sind die Schulgründer von Wesel da schon weit fortschrittlicher. Die Schule expandiert bald, so dass man schon im Jahre 1854 einen Schulneubau in der Doelenstraße bezieht. 

Fortschrittlich ist der Schulverein auch in anderer Hinsicht. Schon im Gründungsstatut ist festgehalten: "Zur Aufnahme in die Schule eignen sich Kinder jeder Konfession." Dieser Einsicht folgend finden neben evangelischen auch katholische und jüdische Mädchen Aufnahme, darüber hinaus auch "würdige Mädchen bedürftiger Eltern", denen man ganze oder halbe Freistellen einräumt - eine glückliche Verknüpfung von Eigeninteresse und Gemeinsinn, wie sich das für eine rechte Bürgerinitiative gehört! 

Die finanzielle Lage der Schule indes ist von Anfang an kritisch. Das bekommen auch die Lehrkräfte zu spüren. Chronischer Geldmangel treibt ihre Wochenstundenzahl nach oben und ihr Gehalt nach unten. Eine bescheidene Altersrücklage gibt es nur für den Direktor. Gravierender noch ist die Tatsache, dass der Schulverein laut Satzung praktisch die Unterrichtsverteilung vornimmt und den Lehrerinnen und Lehrern auch im Detail in ihr ohnehin schwieriges pädagogisches Geschäft hinein reden kann. Es bleibt offen, was sie mehr bedrückt hat: Die Beschränkung ihrer pädagogischen Freiheit oder ihr geringes Gehalt. Die Fluktuation im Kollegium jedenfalls ist auffällig. Die Unterhaltung einer solchen Schule, zudem noch mit sozialer Selbstverpflichtung, kann auf Dauer eben nicht von einem kleinen Verein engagierter Bürger getragen werden. Gut zwei Jahre verhandeln der Schulverein und die Stadt Wesel, dann ist man sich einig: Mit dem Plazet der Schulaufsicht in Düsseldorf wird die Evangelische Höhere Töchterschule 1878, als paritätische Anstalt, wie es heißt, Städtische höhere Mädchenschule. Die Zahl der Schülerinnen hat sich inzwischen auf 150 verdreifacht. 

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Der Schulweg: "...hinter Pferdeschwänzen her einen Weg bahnen"

Parallel zur Übernahme in städtische Verwaltung gibt es Überlegungen zur Errichtung eines Neubaus an anderer Stelle, aus gegebener Veranlassung. "Die Lage des Schulgebäudes, ganz in der Nähe der Artilleriekaserne, konnte, zumal für eine Mädchenschule, als nicht gerade ideal bezeichnet werden ..." bemerkt Direktor Dr. Otto Hollweg in der Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Schule. Was er nicht näher erklärt, aber wohl damit meint, erschließt sich aus der dokumentierten Erinnerung einer seiner Lehrerinnen: "Das Tochterschulgebäude lag wie ein Veilchen im Verborgenen an der Doelenstraße ... von militärischen Gebäuden umgeben ... Morgens stellten die Soldaten ihre Pferde zum Putzen auf, und Schülerinnen und Lehrerinnen mussten sich hinter den Pferdeschwänzen her ihren Weg nach der Schule bahnen, wobei die Soldaten ihnen Mahnungen für den Unterricht zuriefen." Sie schließt ihre Darstellung mit der liebenswert-ironischen Bemerkung, dass damals immerhin "Stalluft als gutes Mittel gegen die Bleichsucht der Jugend" gegolten habe. Der Neubau lässt - aus Kostengründen - lange auf sich warten. Erst 20 Jahre später, 1899, wird das neue repräsentative Schulgebäude am Brüner-Tor-Platz eingeweiht.
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Das neue Schulgebäude am Brüner-Tor-Platz

Vom eigentlichen Ziel, eine "wissenschaftliche Vollanstalt" zu etablieren, ist man indes noch ein gutes Stück entfernt - in Wesel wie in anderen Städten. Ausgeprägte patriarchalische Ordnungsvorstellungen auch in Bildungsfragen sind damals selbstverständliches gesellschaftliches Allgemeingut, wie ein Blick in die Akten schlaglichtartig erhellt. Der Verein der Dirigenten und Lehrenden der Höheren Töchterschulen zum Beispiel plädiert in seiner "ewig denkwürdigen Festsetzung des Bildungsziels der Frau" 1872 in Weimar für eine "ebenbürtige Bildung der Mädchen", allerdings mit der bemerkenswerten Begründung, "dass der deutsche Mann nicht durch die Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häusliche Herde gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde ..." Angstgefühle ähnlicher Art treiben auch jenen preußischen Minister um, der in seiner Etatrede, Kapitel Höhere Mädchenschulen, 1884 aus Sorge um "das jugendliche Mädchengemüt" vor den Bestrebungen warnt, "den Mädchen immer mehr eine Gymnasialbildung zu geben und sie allmählich zu befähigen, gleichsam in ein geistiges Oberlehrertum einzutreten." Der Beifall preußischer Parlamentarier ist ihm gewiss. Sie kommentieren solcherart Emanzipationsbestrebungen mit dem empörten Ausruf: " Das fehlt noch!" Die Tendenz, Mädchenbildung an den Bedürfnissen des Mannes zu orientieren und die Frau auf die Rolle der "gebildeten" Hausfrau und Mutter zu fixieren, spiegelt sich auch in der Geschichte der Schule. Erst 1912 wird sie per Erlass Städtisches Lyzeum, 1928 Städtisches Oberlyzeum, in dessen Lehrplan die naturwissenschaftlichen Fächer nun stärker hervortreten, so dass dieser mit dem der Jungengymnasien weitgehend identisch ist. Mit 11 Schülerinnen steuert die Schule ihre erste Reifeprüfung an, und mit ihrer Abnahme 1930 ist sie "wissenschaftliche Vollanstalt". 

Leider ist diese Premiere nicht aktenkundig. Man darf aber vermuten, dass die ersten Weseler Abiturientinnen die Prüfungsprozedur ähnlich unbeschadet überstanden haben wie wenig vorher jene Reifeprüfungskandidatinnen in Karlsruhe, von denen der badische Geheimrat als Prüfungsvorsitzender berichtet, dass "keine einzige an echter Weiblichkeit" verloren und "weibliche Anmut und Bescheidenheit bei keiner gelitten" habe. Eine überzeugende Dokumentation männlicher Beobachtungsgabe im langen Prozess weiblicher Emanzipation! 

Was dann folgt, gehört zu einem ganz anderen Kapitel in der Geschichte der Schule. Es hat mit Emanzipation des Menschen schlechthin nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Im Gleichschritt Marsch ist die Devise ab 1933 mit Flaggenhissung und Schulungskursen zwecks Indoktrination, Beschränkung des wissenschaftlichen Unterrichts zugunsten von Körperertüchtigung - Mädchenbildung im Dienst des Vaterlandes - mit zunehmender Kriegsdauer immer häufiger Luftangriffe, Fliegeralarm, Flucht in den Keller, am Ende fast täglich, dramatischer Höhepunkt des schrecklichen Geschehens: "Das Schulgebäude erhält am 16. Februar 1945 zwei schwere Volltreffer, an dem Tag, an dem in der Mittagsstunde Wesel in Trümmer sank", so berichtet ein unmittelbar betroffener Lehrer. Ende des Krieges, Mai 1945: Die einst stolze Hansestadt ausgelöscht, eine Kraterlandschaft, die Luftaufnahmen der Alliierten dokumentieren es eindringlich. Nur 5 Monate später: Mit Billigung der Alliierten Wiederaufnahme des Unterrichts im Ausflugslokal Haus Eder in Blumenkamp zusammen mit dem Jungengymnasium. Eine der Initiatorinnen ist Elsbeth Eich , ab 1953 Direktorin der Schule. Man rückt zusammen, Improvisation und Kreativität sind nicht Modewörter, sondern Alltagspraxis. "Haus Eder" wird für eine ganze Generation in der verklärenden Erinnerung zum Synonym für Gemeinschaft und Solidarität in der Zeit des "Übergangs", zum "Paradies Haus Eder". 

Staatliches Gymnasium am Herzogenring

1950 zieht man gemeinsam um ins neue Gebäude am Herzogenring, 1953 schließlich Abschied vom Staatlichen Gymnasium, "dem treuen Gefährten in der Not", wie Elsbeth Eich dankbar vermerkt. Mit dem Umzug ins neue Gebäude an der Ritterstraße, rechtzeitig zur 100-Jahr-Feier, beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Schule, ein bescheidener Anfang zwar mit nur je einem Raum pro Klasse und einem naturwissenschaftlichen Fachraum, aber Bescheidenheit ist der frühen Nachkriegsgeneration kein Fremdwort. Bei aller Wehmut zum " Abschied vom treuen Gefährten" genießt man auch die wiedererlangte Selbständigkeit. "Städtisches Mädchengymnasium mit Frauenoberschule" nennt man sich nun. Diese Zweiteilung macht aus dem Verständnis der damaligen Eltern- und Schülerinnen-Generation für Mädchenbildung durchaus Sinn. Sie fördert neben den vorwiegend intellektuellen Begabungen im gymnasialen Zweig in der Frauenoberschule die Begabungen, die weniger wissenschaftlich, dafür stärker praktisch-gestaltend und sozial orientiert sind.

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Es folgen Jahre der Konsolidierung und permanenter Erweiterung. Die Zahl der Schülerinnen wächst ständig. Mit Fertigstellung des 2. Bauabschnittes 1955 ist sie bereits auf 460 gestiegen. 1959 wird die Turnhalle eingeweiht; die stellt heute, im Jahre 2003, angesichts der Sportstätten-Misere im Stadtzentrum als altehrwürdiges Relikt vergangener Tage ihre Daseinsberechtigung tapfer unter Beweis! 

Nach der Pensionierung von Elsbeth Eich 1969 und kurzzeitiger kommissarischer Wahrnehmung der Schulleitungsfunktion durch Joachim Schwintzer tritt Johanna Hahnen 1970 ihr Amt als Schulleiterin an. 

Sie findet eine intakte, in der Region anerkannte und ständig wachsende Schule vor, die soeben noch, 1969, um den Südflügel mit 15 Räumen erweitert worden ist. Fast 800 Schülerinnen und einige wenige Schüler, was später zu erläutern ist, besuchen inzwischen die Schule. Was die Raumfrage betrifft, ist man aus dem Gröbsten raus - denkt man! Die Anmeldezahlen sprechen schon bald eine andere Sprache. Die Raumnot wird zum Dauerthema, Behelfsklassen, an der Westseite der Schule zum Parkdeck hin aufgestellt, bringen vorübergehend Entlastung, mit der Errichtung des naturwissenschaftlichen Traktes erhält die Schule 1984 hervorragend ausgestattete Fachräume. Die weiterhin fehlenden Klassenraumkapazitäten sind Anlass zu Gedankenspielen im politischen Raum: Man denkt über die Errichtung eines dritten Gymnasiums nach, vertieft werden diese Gedanken nicht.. Die Schule löst einstweilen ihr Raumproblem mit Hilfe des Schulträgers durch die Einrichtung von "Dependancen" teils gleichzeitig, teils nacheinander, im Karolinenheim, in der Böhlschule, im alten Schulgebäude am Brüner-Tor-Platz, schließlich im Bildungszentrum, ein Umstand, der hohe Anforderungen an das Improvisationstalent der Schulleitung und die Nerven- und Sprungkraft der Kolleginnen und Kollegen stellt. Die in der Zwischenzeit errichtete Gesamtschule bringt keine Entlastung. Die Anmeldezahlen sind unverändert hoch, zu hoch, gemessen an den vorhandenen Raumkapazitäten.

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Die spürbare Entlastung der Schule bei der Bewältigung des hohen Schüleraufkommens hat ihre Ursache einmal in der demographischen Entwicklung in Deutschland insgesamt - der "Pillenknick" hinterlässt seine Spuren auch in Wesel - zum anderen in der schulpolitischen Initiative einer großen Koalition im Rat der Stadt Wesel, die Anfang der 90er Jahre ein ehrgeiziges Schulbauprogramm für die Schulen der Sekundarstufen l und II auflegt. Inzwischen hat Hermann Knüfer, der Verfasser dieses Beitrags, seit 1975 stellvertretender Schulleiter, das Amt des Schulleiters von Johanna Hahnen übernommen, mit der ihn eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit verbindet. Im Jahr des Amtswechsels, 1990, hat die Schule trotz gegenläufiger demographischer Entwicklung immer noch über 1000 Schülerinnen und Schüler. Die Zahl pendelt sich im Laufe der nächsten Jahre auf etwa 1150 ein. Mit der Umsetzung der ersten Baumaßnahme aus dem Schulbauprogramm der Stadt, der Verdopplung des Südflügels 1994, ist die Baugeschichte der Schule einstweilen zu Ende. 

Wie sich die Schule in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, wird schon äußerlich an veränderten Bezeichnungen sichtbar. 1969 wird - nach kontroverser Diskussion in Lehrer- und Elternschaft - ein naturwissenschaftlicher Zweig in Aufbauform angegliedert, über den Absolventinnen und Absolventen der Realschule mit entsprechendem Qualifikationsvermerk Eingang ins Gymnasium finden - eine Entscheidung von weitreichender Bedeutung. Die berechtigte Forderung nach Durchlässigkeit im dreigliedrigen Schulsystem findet hier ihre ganz konkrete Umsetzung. Mit ihrer pädagogisch planvollen Integration der neuen Schülerinnen und Schüler erfüllt die Schule - bei zunehmenden Anmeldezahlen - bis heute einen selbstgestellten bildungspolitischen Auftrag. 

1973 wird das Gymnasium stufenweise enttypisiert: Aus dem Städtischen neusprachlichen Mädchengymnasium und Gymnasium für Frauenbildung mit naturwissenschaftlichem Gymnasium in Aufbauform - ein Firmenschild, das dem Uneingeweihten Respekt aus purer Ratlosigkeit einflößt - wird das Städtische Mädchengymnasium Wesel mit differenzierter Oberstufe 1977, mit Einführung der Koedukation zeitgleich an beiden Weseler Gymnasien, schließlich Städtisches Gymnasium Wesel Mitte, Konsequenz einer gesellschaftlichen Entwicklung, in deren Verlauf immer weniger die Andersartigkeit der Frau, dagegen immer stärker ihr Anspruch auf Gleichberechtigung betont wird. In der Geschichte der Schule und ihrer Namen spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel. Mit der vorläufig letzten Änderung des Namens wird die geographische Standortbestimmung durch eine Standortbestimmung mit inhaltlichen Bezügen ersetzt. Seit 1984 heißt die Schule Andreas-Vesalius-Gymnasium, ein Name, der an den berühmten Anatomen und Chirurgen des 16. Jahrhunderts erinnert, dessen Vorfahren aus Wesel stammen. 

Zwischen Tradition und Fortschritt ist das Spektrum erzieherischer, allgemeinbildender und wissenschaftspropädeutischer Arbeit angesiedelt, die seit den 50er Jahren bis heute geleistet wird. Es gibt auch in Zeiten des Umbruchs und radikaler Veränderungen Konstanten, Grundsatzpositionen, die wechselnde Moden überdauern und nicht der Beliebigkeit zum Opfer fallen. Eine dieser Konstanten formuliert das von allen Mitwirkungsorganen im Jahr 2000 einstimmig verabschiedete Schulprogramm so: "Unterricht (als zentrale Aufgabe der Schule) ist immer auch erziehender Unterricht, insofern er nicht allein kognitive Lernziele anstrebt, sondern eine ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit... Soziales Verhalten soll sowohl durch unterrichtlich-klasseninterne Arbeit wie in außerunterrichtlicher Arbeit eingeübt werden. Individuelle Leistung wird gefordert und gefördert.", eine durch die Jahre immer beibehaltene Konstante mit hohem Anspruch, deren Umsetzung indes im Schulalltag unter vielfach veränderten Sozialisationsbedingungen nicht gerade leichter wird. Die Schulaufsicht hat Elsbeth Eich bei der Amtseinführung 1953 noch ungeniert den Wunsch mit auf den Weg gegeben, dass sie "der Schulgemeinde Kopf, Herz, Gewissen und rechte Mutter" sei. Bei der Amtseinführung späterer Schulleiterinnen und Schulleiter sind die Segenswünsche der Schulaufsicht verhaltener. Es ist die Zeit, in der Autorität grundsätzlich in Frage gestellt wird, "Amtsautorität" per se, in Elternhaus und Schule gleichermaßen. Umso mehr ist überzeugendes persönliches Engagement der Schulleitung und des Kollegiums gefragt, wenn es darum geht, in der Schule als Teil und Spiegelbild der pluralistischen Gesellschaft berechtigte individuelle Ansprüche auf Entfaltung der Persönlichkeit mit dem Allgemeininteresse in Einklang zu bringen, ein Spagat, der von den Lehrerinnen und Lehrern neben Fachkompetenz zugleich Sensibilität, Stehvermögen und Durchsetzungskraft erfordert. 

Eine weitreichende strukturelle und inhaltliche Veränderung erfährt das Gymnasium im Zuge der Enttypisierung und der schrittweisen Einführung der differenzierten Oberstufe ab 1973: Die Schülerinnen und Schüler legen ihre Schullaufbahn mit der Wahl ihrer Grund- und Leistungskurse im Rahmen vorgegebener Pflichtbindungen selbst fest. Vor allem den selbständigeren und leistungsbereiten Schülerinnen und Schülern bietet dieses System individueller Schullaufbahnplanung die Möglichkeit zu weitreichender Entfaltung ihrer Begabungs- und Interessenschwerpunkte, eine Möglichkeit, die in großem Umfang genutzt wird, wie zum Beispiel die Ergebnisse der Abiturprüfungen zeigen. Fraglich bleibt die Überfrachtung der Lehrpläne bei gleichzeitiger Reduzierung früher weitgehend obligatorischer wertorientierter Bildungsinhalte. 

Das Unterrichtsangebot der Schule ist entsprechend der hohen Schülerzahl breit gefächert. Qualifizierte Beratungslehrerteams begleiten die Schülerinnen und Schüler bei ihren Entscheidungen über die Schullaufbahn. In jüngerer Zeit haben sich neben der traditionellen Unterrichtspalette neue Schwerpunkte zum Beispiel im Leistungskursbereich Informatik, Chemie und Kunst entwickelt. 

Zum Teil im planmäßigen Unterricht, zum Teil in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften in den Bereichen Musik, Kunst, Literatur, Theater, Sport setzt die Schule eine alte Tradition kreativer Tätigkeit mit neuen und veränderten Akzenten fort. Regelmäßige Theater-, Tanz- und Musikdarbietungen verschiedener Form und Stilrichtung sind integraler Bestandteil des Schulalltags. Kontinuität im Wandel! 

"Öffnung von Schule" heißt die Formel, mit der das Ministerium die Schulen seit einiger Zeit zur Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern auffordert, eine Art Ermunterung zur Horizonterweiterung. Lange schon vor der Erfindung dieser plakativen Vokabel hat sich die Schule geöffnet, indem sie regelmäßig außerschulische Unterrichts- und Bildungsangebote wahrnimmt. Dazu gehören u.a. die aus dem Fachunterricht erwachsenden Exkursionen, die Studien- und Berufswahlvorbereitung, die Praktika, die Betriebserkundungen und der Schüleraustausch. 

Dass Schule auch als politischer Raum verstanden wird und wahrgenommen werden soll, manifestiert sich u.a. im AVG-Forum, einer Plattform für Vorträge und Diskussionen über gesellschaftspolitisch und historisch relevante Fragen mit kompetenten Vertretern des öffentlichen Lebens, ferner in besonderer Weise im Schüleraustausch, der in einem Fall, dem Austausch mit dem Gymnasium in Ketrzyn/Polen zielgerichtet im Jahr 2002 zu einer offiziellen Partnerschaft der Städte Wesel und Ketrzyn führt. 

Mit dem Ausscheiden von Hermann Knüfer aus Altersgründen übernimmt Jürgen Berner, sein Vertreter, zu Beginn des laufenden Schuljahres das Amt des Schulleiters. Viel Lob hat die Schulaufsicht beim Stabwechsel und neuerdings in ihrem Grußwort zum Jubiläum für die Schule parat. Sie muss es wissen! 

Die Qualität einer Schule kann man an den vorhandenen überprüfbaren Leistungsstandards aufzeigen. Was sich kaum beschreiben lässt, ist das Arbeitsklima, Indiz und Bedingung zugleich für erfolgreiche pädagogische Arbeit. 

Der Verfasser dieses Beitrags hat in seiner langjährigen Tätigkeit in der Schulleitung bei seiner Arbeit in einem motivierten und engagierten Kollegium und mit vielen engagierten Eltern und Schülerinnen und Schülern die Erfahrung gemacht, dass auch in einem großen Schulbetrieb ein persönlicher Umgangsstil gepflegt werden kann, der geprägt ist von wechselseitigem Vertrauen, gegenseitigem Respekt und kritischer Loyalität. Für diese Erfahrung ist er dankbar. Sie hat ihm die manchmal schwierige Arbeit in der Schule leicht gemacht.

Hermann Knüfer 2003
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